Leseprobe
Die neuen Werbemittel sind da! Und dieses Mal wollen wir richtig durchstarten: mit einer groß angelegten Kampagne in Film, Funk und Fernsehen. Mit Flyern, Prospekten und riesigen Plakaten. Umso gespannter bin ich, wie das Ganze aussieht. Hektisch öffne ich das Paket und… biege mich erst einmal vor Lachen.
Nachdem ich mich wieder etwas beruhigt habe, schnappe ich mir einen der Flyer und statte Frau Kaufmann, Leiterin Marketing und Verantwortliche für die Kampagne, einen kurzen Besuch ab. „Sieht klasse aus, oder? Alleine schon dieses Bild…”, schwärmt sie freudestrahlend. „Und haben Sie auch schon mal auf den Text geachtet?”, frage ich dezent nach. Sie schaut den Flyer nochmals genauer an. und sagt schließlich „Ups!”
Ich war ja von Anfang an dagegen, die Werbematerialien ausgerechnet in Asien drucken zu lassen. Aber die angespannte Budgetsituation ließ Frau Kaufmann angeblich keine andere Wahl. „WIR LASSEN SIE IM LEGEN STEHEN” prangt nun in großen Lettern direkt unter unserem Firmenlogo. Auf fünf Millionen Flyern, Prospekten und Plakaten. „Da muss doch statt dem ‚L’ ein ‚R’ hin”, stellt die Leiterin Marketing beinahe richtig fest. „Und vielleicht noch ein ‚nicht’ dazu, dann passt’s”, ergänze ich kleinlaut.
Es ist lediglich Frau Kaufmanns Make-Up zu verdanken, dass für die nächsten paar Sekunden überhaupt noch ein Kontrast zwischen ihrem Gesicht und der weißen Wand hinter ihr zu erkennen ist. „Das ist gar nicht gut!”, stammelt sie und starrt dabei unentwegt auf den Flyer. „Und nun?”, versuche ich, sie auf dem Delirium zu reißen. „Krisengipfel. Heute Mittag”, lautet ihr Plan. „Ist gebongt! Aber nur, wenn es wieder diese leckeren Kekse gibt…”, merke ich an und verlasse ihr Büro.
Kurz nach der Mittagspause sind die Projektmitglieder dann alle beisammen – lediglich die eingeforderte Kekspackung lässt zu meinem großen Bedauern noch auf sich warten. Frau Kaufmann hatte übrigens zwischenzeitlich alle Mitarbeiter und Vorstände per E-Mail eindringlich vor dem Öffnen der Werbemittelkartons gewarnt. Angeblich sollen sich giftige, asiatische Spinnen in dem einen oder andere Karton eingenistet haben, schwindelte sie, um vor dem flächendeckenden Auffallen der Peinlichkeit noch etwas Zeit zu gewinnen.
„Ist das blamabel”, lästert Dworschak zu Beginn des Meetings, „da fehlt ja ein ‚i’”. Frau Kaufmann blickt irritiert in seine Richtung. „Unser Slogan heißt ‚WIR LASSEN SIE NICHT IM REGEN STEHEN’ und nicht ‚WIR LASSEN SIE IM LIEGEN STEHEN’”, kläre ich ihn auf. „Ach, echt? Dann fehlt ja noch viel mehr!” Ich bin wirklich stolz darauf, solche Kollegen zu haben. „Die Asiaten sollen es einfach noch mal drucken – wir haben doch sicherlich einen entsprechenden Passus im Vertrag”, schlägt Schmoltke indes vor. Frau Kaufmann druckst etwas herum, ehe sie schließlich zugibt, dass „der Vertrag dahingehend relativ unkonventionell” formuliert wurde. „Aber dafür waren sie unschlagbar billig”, fügt sie beschwichtigend hinzu.
„Dann müssen wir die Werbematerialien eben einstampfen und neue drucken lassen”, versuche ich das Problem möglichst elegant zu lösen, stoße damit jedoch aber auf Widerstand bei Frau Kaufmann: „Wissen Sie, was das kostet?”
„Höchstwahrscheinlich Ihren Kopf!”
„Vom Aufwand in der Buchhaltung ganz zu Schweigen”, mischt sich der kleine Erbsenzähler ein, ehe unsere Leiterin Unternehmenskommunikation, Uschi Blamayer, die Situation mit den Worten „Wir haben also ein ernsthaftes Problem” nochmals perfekt zusammenfasst.
Wir diskutieren des Weiteren folgende Möglichkeiten:
1.) Händische Korrektur des Werbematerials mittels Edding. Herr Schmoltke gibt allerdings zu bedenken, dass dies für die Projektgruppe rund vier Wochen Arbeit bedeuten würde – 24-Stunden-Schichten vorausgesetzt.
2.) Entwicklung eines neuen Produktes mit dem Namen „Legen”, das dem Slogan einen tieferen Sinn verleiht. Allerdings will auf die Schnelle niemandem ein Produkt einfallen, in welchem der Kunde herumstehen kann und Spaß dabei hat.
3.) Wir lassen alles so wie es ist und hoffen, dass es niemandem auffällt. Zwar dürften wir mit dieser Strategie höchstwahrscheinlich beim Vorstand durchkommen, jedoch soll unsere Kundschaft, schenkt man den Gerüchten Glauben, zum Teil auch aus intelligenten Menschen bestehen.
Drei Stunden später sind wir immer noch nicht weiter und beginnen, uns langsam aber sicher im Kreis zu drehen. „Ich werde es tun”, gibt sich Frau Kaufmann scheinbar geschlagen, „ich werde nachher in die Vorstandssitzung gehen und meinen Kopf dafür hinhalten”. Sie ist einfach zu gut für diese Firma!
„Es war schön, Sie alle kennen gelernt zu haben!”, verabschiedet sie sich und ich gehe mit einem sehr unguten Gefühl in den Feierabend.
Am nächsten Morgen bekomme ich dann überraschend Besuch. Frau Kaufmann steht in meinem Büro und strahlt mich an. „Wie war’s? Werden Sie eine Abfindung bekommen?”, frage ich vorsichtig. „Besser noch”, erwidert sie scheinbar bestens gelaunt, „eine Gehaltserhöhung und ein größeres Büro!” Ich verstehe rein gar nichts und schaue sie fragend an.
Glücklicherweise erkennt sie den soeben entstandenen Erklärungsbedarf von selbst: „Der Vorstandvorsitzende hatte die rettende Idee, einen intellektuell unterprivilegierten B- oder C-Promi zu buchen. Einen, der sich für nichts zu schade ist. Dieser Prominente soll den Slogan dann in den TV- und Radiospots vorlesen – zumindest soll er so tun als ob. Wir haben übrigens auch schon eine klare Favoritin für die Rolle…”
Die Kampagne wurde ein voller Erfolg. Wir verkauften zwar nicht wirklich mehr, jedoch etablierte sich „WIR LASSEN SIE IM LEGEN STEHEN” zwischenzeitlich als fester Bestandteil der deutschen Sprachkultur. Zudem schnellte der Bekanntheitsgrad unseres Unternehmens über Nacht in bislang ungeahnte Höhen. „Das sind doch die, wo kein richtiges Deutsch können”, wusste plötzlich jeder etwas mit uns anzufangen. Hauptsache, man fällt irgendwie auf…